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Helene Kafka
Sr. Maria Restituta
1894-1943 |
Helene Kafka wird am 1. Mai 1894 als 6. von 7 Kindern des
mährischen Schuhmachers Anton Kafka und seiner Frau Marie
Kafka, geb. Stehlik, in Brünn-Hussovitz geboren. Aus wirtschaftlichen
Gründen übersiedelt die Familie 1896 nach Wien-Brigittenau,
wo Helene die Volksschule, die Bürgerschule und anschließend
eine Haushaltungsschule besuchte.
Zunächst Dienstmädchen
in verschiedenen Haushalten, wird sie mit 17 Jahren Verkäuferin
in einem Tabakladen, 1913 nimmt sie ihren Dienst als Hilfskrankenpflegerin
im Städtischen Krankenhaus Wien-Lainz auf.
In der Begegnung
mit den dort tätigen Franziskanerinnen von der christlichen
Liebe (genannt "Hartmannschwestern" nach dem Sitz
der Gemeinschaft in der Hartmanngasse in Wien) erwacht in ihr
der Wunsch zum Ordensberuf. Ihre Eltern sind gegen den Eintritt
in ein Kloster. Fürchten sie, daß ihre energische
Tochter sich dort nicht einordnen könnte? Heimlich verläßt
Helene das Elternhaus, am 23. Oktober 1915 tritt sie bei den
Hartmannschwestern ein. Bei der ersten Gelübdeablegung
im Jahr darauf erhält sie den Namen Maria Restituta nach
einer altchristlichen Martyrin aus dem 3. Jh. (Patronin der
Insel Ischia, Grabkirche in Neapel). Praktische Erfahrungen
sammelt sie in den Krankenhäusern Neunkirchen und Lainz,
1919 wird sie im Krankenhaus Mödling leitende Operations-
und Anästhesieschwester.
In die Klostergemeinschaft bringt
sie ihre musikalische Begabung als Harmoniumspielerin und Chorleiterin
ein. 1923 legt Schwester Restituta ihre ewigen Gelübde
ab.
Dank ihrer Tüchtigkeit auf fachlichem Gebiet, ihres temperamentvollen,
durchsetzungsfreudigen Umgangs mit Mitarbeitern und Patienten,
ihrer unbegrenzten Hingabe für das Wohl der Kranken ist
sie bald unter dem Namen Schwester Resoluta bekannt. Klein
und füllig von Gestalt, nach einem harten Arbeitstag im
OP auch gerne ein kräftiges Essen und ein Glas im nahegelegenen
Gasthaus genießend, wird die Ordensfrau in Mödling
mit Respekt angesehen.
Als im April 1938 die Nazis Österreich als Ostmark in
das Deutsche Reich einverleiben und nachfolgend Stifte und
Klöster aufgehoben, Privatschulen und katholische Einrichtungen
beschlagnahmt, kirchliches Vermögen eingezogen, hunderte
von Priestern verhaftet, die jüdischen Mitbürger
verfolgt werden, hält die gradlinige Ordensfrau mit ihrer
tiefen Abneigung gegen die Nationalsozialisten nicht zurück.
Anfang 1940 erfolgt ein öffentlich registrierter Zusammenstoß.
Schwester Restituta stattet gegen die Anordnung der Partei
in der neuen chirurgischen Abteilung des Mödlinger
Krankenhauses mit Kruzifixen aus und weigert sich, diese
wieder zu entfernen.
Ein NS-Arzt lauert auf eine Gelegenheit, die allseits anerkannte
und fachlich unentbehrliche Operationsschwester auszuschalten.
Am 8. Dezember 1941 beginnt der verhängnisvolle Leidensweg:
Schwester Restituta hatte von einem ihr unbekannten Soldaten
ein Spottgedicht erhalten, das ganz ihrem Widerwillen gegen
die Nazis entsprach. Darin hieß es u.a.: "Selbst
den ruhmvollen Namen nahm uns die Brut und jetzt wollen sie
auch noch unser Blut" (d.h. Soldaten für den Krieg)
und zum Schluß "Wir nehmen die Waffen nur in die
Hand zum Kampf fürs freie Vaterland gegen das brauen
Sklavenreich für ein glückliches Österreich."
Sie läßt dieses "Soldatenlied" und eine
Flugschrift gegen die Beeinträchtigung der katholischen
Jugendarbeit am 8. Juni 1941 in Freiburg Br. von einer Sekretärin
abschreiben. Tags darauf liest sie das "Soldatenlied"
zwei Mitschwestern und einer Operationsgehilfin mit augenscheinlicher
Genugtuung vor. Dies ist der Grund für eine Denunziation
durch den namentlich bekannten Arzt. Am 18. Februar, es ist
Aschermittwoch, wird Schwester Restituta in Arbeitskleidung
aus dem Operationssaal heraus von der Gestapo verhaftet und
das Gefängnis des Wiener Landgerichtes eingeliefert.
In einem Brief vom 5. April 1942 an ihre Schwester Anna Wolfram
(geb. Kafka) schreibt sie: "Wo verbringt ihr die Osterfeiertage?
Für meine Person brauch ich nicht nachzudenken, ich sitze
hier doch ganz ergeben, habe in meinem Leben entsagen gelernt
nur mit dem Unterschied, daß es hier nicht freiwillig
ist. Doch ich hoffe, daß ich nicht lange hierbleiben
muß." Noch kann Schwester Restituta nicht ahnen,
daß sie nach 13monatiger Haft durch Enthauptung ihr
Leben verlieren wird.
In der Hauptverhandlung des Volksgerichtshofes am 29. Oktober
in Wien erfolgt "im Namen des deutschen Volkes" das
Urteil: "Die Angeklagte Kafka wird wegen landesverräterischer
Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat zum
Tode und zum Ehrenrechtsverlust auf Lebenszeit verurteilt.
Die Angeklagte hat auch die Kosten des Verfahrens zu tragen." An
der Härte der Strafe wird deutlich, wie groß die
Angst des Regimes auch vor geringen Widerstandsleistungen,
wie der Verbreitung eines Spottliedes, war. Gnadengesuche werden
abgewiesen. Martin Bormann in Berlin besteht aus Gründen
der Abschreckung auf Vollstreckung des Urteils.
Welche seelische Bewegungen in Schwester Restituta in diesen
Monaten vorgegangen waren, berichtet die Tochter einer
mitverhafteten Frau, die im November in die gemeinsame
Zelle zurückgekehrt
war. "Es ist etwas passiert, Frau Puchhammer, was mich
mit Freude erfüllt." Darauf die Mutter: "Um
Gottes willen, Sie werden entlassen?" Schwester Restituta
habe geantwortet: "Ich bin zum Tode verurteilt worden!".
Die Mutter sei außer sich gewesen, mit welcher Ruhe und
Gelassenheit Schwester Restituta diese furchtbare Sache erzählte.
In einem Brief an ihre Schwester Anna Wolfram beurteilt
Schwester Restituta ihre Situation wie folgt: "Schau Anny, wie schwer
sieht mein Kreuz aus, doch ist dem nicht so, der lb. Gott überschüttet
mich mit Trost, Kraft und Mut." Fünf Monate nach
dem Todesurteil schreibt sie am 28. März 1943 an die Generalvikarin
ihrer Ordensgemeinschaft: "Nun, wie lange ich noch in
diesen Mauern bleiben muß? Wohl keine Sekunde länger
als es mein himmlischer Vater bestimmt und dies genügt.
Den Berg hinan gehe ich gern, denn von dort ist es nicht
mehr weit in die ewige Heimat."
Zwei Tage später, am 30. März, wird ihr um 11 Uhr
die bevorstehende Vollstreckung des Todesurteils verkündet.
Ein Priester kann ihr noch die hl. Kommunion bringen. Schwester
Restituta erneuert mit lauter Stimme ihr Ordensgelübde
und betet für die Bekehrung der Feinde des Gottesreiches.
Um 18.30 Uhr verläßt sie, die bis zum Skelett abgemagerte,
mit auf dem Rücken gebundenen Händen ihre Zelle,
um aufs Schafott geführt zu werden.
Jahre später geben ehemalige Mithäftlinge eindrucksvolle
Zeugnisse: "Der Einfluß, den Schwester Restituta
auf die Mitgefangenen ausgeübt hat, war wegen ihrer Ausstrahlung
und Menschlichkeit wirklich groß. Sie lebte uns allen
vor, was es heißt, zu glauben, wenn auch viele von
uns aufgrund der Unmenschlichkeit des Lebens und der Mitmenschen
nicht mehr glauben konnten."
Am 28. Juni 1998 hat Papst Johannes Paul II. sie anläßlich
seines Besuches in Österreich zusammen mit zwei anderen
Glaubenszeugen seliggesprochen. Ihr Gedenktag wird am 29.
Oktober begangen.
In Schwester Restitutas Leben und Sterben manifestiert sich
auch eine besondere spirituelle Schicksalsgemeinschaft mit
anderen Opfern des unerbittlichen totalitären NS-Regimes.
Am Tag ihrer Verhaftung, dem 18. Februar, genau ein Jahr später,
flattern die Flugblätter der Widerstandsgruppe "Weiße
Rose". in den Lichthof der Münchener Universität.
Inge und Hans Scholl, noch an demselben Tag verhaftet, erleiden
am 22. Februar den Tod gleichfalls durch Enthauptung.
Den Tag des Todes teilt Schwester Restituta mit einer Ordensfrau
aus Frankreich. Am 30. März 1945, es war Karfreitag, tritt
Schwester Elisabeth Rivet im KZ Ravensbrück an die Stelle
einer zum Tod bestimmten Mutter und wird in der Gaskammer
ermordet.
Helene Kafka, Schwester Maria Restituta, verkörpert besonders
eindrucksvoll die aufrechte Haltung und das Widerstehen christlicher
Frauen aus einfachen Schichten bis in den Tod hinein.
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